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Picknick für Passanten und Punks

Picknick für Passanten und Punks

Das jüngste Event des Fördervereins Bahnhofsmission war ein voller Erfolg

 

Würzburg. Julian hat Stachelnieten auf der Kappe, um den Hals, am Arm. Schaut irgendwie gefährlich aus. Dabei ist der 21-Jährige ungemein freundlich, kommt man mit ihm ins Gespräch. Allerdings passiert das selten. „Die meisten reagieren unfreundlich auf mich“, sagt der junge Mann, dessen Lebensmittelpunkt seit sechs Jahren der Bahnhof ist. Am Sonntag war das anders: Der Förderverein Bahnhofsmission veranstaltete ein Picknick am Bahnhof. Julian wurde herzlich willkommen geheißen.

 

 

Menschen aus allen Schichten zusammenzubringen, diese Idee steckte hinter dem Begegnungspicknick auf der Wiese vor dem Kiliansbrunnen, erzählte IT-Berater Johannes Hasler, der sich seit März für den Förderverein Bahnhofsmission engagiert. Eingeladen waren die Würzburger Bevölkerung, Reisende, die auf ihren Zug oder Bus warten mussten, die Besucher der Bahnhofsmission und die Punks vom Bahnhofsvorplatz, um die sich die Streetworker des „Underground“ kümmern.
„Geh arbeiten!“, gehört zu den Sprüchen, die Julian bis zum Überdruss kennt. Keiner fragt ihn, warum er denn nicht arbeitet. Julian hat psychische Probleme. „Depressionen, Suizidgedanken, Borderline“, zählt er auf. Deswegen war er auch schon in der Psychiatrie in Werneck. Eine Lehre hat er mal begonnen, in Hauswirtschaft: „Aber wieder abgebrochen.“ Julian lebt vom Schnorren: „Und manchmal geh ich in die Bahnhofsmission, für Essen und Tee.“

 

 
Joshua Königer kennt viele der Punks vom Bahnhofsvorplatz. Einige bezeichnet der Musiker, der beim Begegnungspicknick für den Förderverein zur Gitarre griff, als seine Freunde. Die meisten blieben da für ein paar Monate, für ein oder zwei Jahre, dann kehrten sie in ein geregeltes Leben zurück, weiß er: „Meine Mam hatte auch dazugehört. Für etwa drei Jahre.“
Schicksale, wie sie Julian oder Joshua schildern, waren Johannes Hasler bis vor wenigen Monaten fremd. Natürlich wusste er vage, dass es Menschen gibt, die in prekären Umständen leben. Doch erst seit Juni ist er, neben seiner Arbeit im Förderverein, auch in der Bahnhofsmission selbst als Ehrenamtlicher aktiv. Menschen zu treffen, die keinerlei Perspektive in ihrem Leben haben, die sich zum Teil völlig gehen lassen und in der Sucht verlieren, das sei anfangs höchst „ungewöhnlich“ gewesen.

 

 

 

 
Ich finde, wir haben für diese Menschen eine Verantwortung“, meinte Kathrin Lewandowski, die Julian gerade einen Teller mit vegetarischen Leckereien reicht. Die Geschäftsfrau aus Eibelstadt ist ebenfalls im Förderverein engagiert: „Ich kümmere mich um das Sponsoring.“ Für das Begegnungspicknick kreierte sie Käse-Trauben-Spieße und einen Tomaten-Feta-Salat. Außerdem gab es jede Menge Gebäck, das Würzburger Bäckereien spendierten, sowie mehrere Eimer mit Obstsalat von den Wirtschaftsjunioren.

 

 
Auf einer der Decken rund um den Kiliansbrunnen ließ sich eine 34 Jahre alte Besucherin der Bahnhofsmission ein Stück Kuchen schmecken. Dass der Förderverein ein Begegnungspicknick veranstaltete, fand sie „saucool“. Für die schwer körperlich und seelisch kranke Frau war es absolut grandios, als sich eine ihr unbekannte Dame zu ihr auf die Decke setzte und begann, sich mit ihr locker zu unterhalten. „Sie lebt in Berlin, kommt aber dreimal im Jahr nach Würzburg, um an einem Seminar im Benediktushof teilzunehmen“, erfuhr sie.
Für die 34-Jährige ist eine solche Begegnung etwas ungemein Kostbares: „Ich bin oft wahnsinnig alleine.“ Aus diesem Grund besucht sie auch mindestens einmal in der Woche die Bahnhofsmission: „Ich mag die Mitarbeiterinnen dort so gerne.“ Sie hätten immer ein offenes Ohr für sie. Seien immer bereit für eine Begegnung.

 

 
Entstanden ist die Idee, ein Begegnungspicknick zu veranstalten, innerhalb der Projektgruppe des Fördervereins, erläuterte Projektgruppenleiter Helmut Fries. Auf eine neue Art und Weise sollte eine Möglichkeit geschaffen werden, dass sich Menschen begegnen, die sich im Alltag nicht über den Weg laufen. Das Konzept ging voll und ganz auf. Auf den Decken tummelten sich ohne Unterschied Passanten und Punks, Reiche und Arme. Jeder erfuhr ein bisschen vom anderen. Und verstand ein bisschen besser, wie der so lebte. Und warum.

Julian, der sonst viel Feindseligkeit erfährt, wurde beim Begegnungspicknick des Fördervereins Bahnhofsmission herzlich aufgenommen.