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Traurig, berührend, unglaublich

Die Wanderbank der Bahnhofsmission macht im Bahnhof Station

Wanderbank Dez. 2014

Würzburg. Aus einem Impuls heraus packte der Mann an, half er am Mittwochmorgen Anne Walz, die Wanderbank auf dem Sternplatz aufzubauen. Dass es so etwas gibt wie eine Bank, die von Ort zu Ort wandert und auf der Geschichten gesammelt werden, hatte der 65-Jährige bis dahin noch nie gehört. Ob er selbst nicht auch etwas zu erzählen hätte? „Aber klar!“ Und er begann von Zeiten zu berichten, die nicht wirklich schön waren in seinem Leben. Und von Zeiten, in denen es ihm gut ging.

Ob es um die eigene Arbeit, die Familie, aktuelle Sorgen oder ein freudiges Erlebnis der letzten Tage geht, alles darf hier erzählt werden. Erfunden wurde die Wanderbank von der Münchner Künstlerin Christiane Huber. Anfang Oktober machte ihr für die Bahnhofsmissionen in Bayern entwickeltes Projekt in Würzburg Station. Der Förderverein der Würzburger Bahnhofsmission entschied, einen Projektableger ins Leben zu rufen. So tourt seit wenigen Wochen eine eigene Würzburger Wanderbank von Platz zu Platz. Am Mittwoch war sie am Sternplatz und am Donnerstag machte Anne Walz mit der Wanderbank noch einmal Station im Hauptbahnhof, um Geschichten zu sammeln.
Oft muss man direkt oder indirekt bezahlen, wenn man möchte, dass jemand einem zuhört. Etwa beim Arzt. Bei der Psychologin. Beim Coach. Oder der Supervisorin. Anne Walz verlangt nichts. Im Gegenteil. Sie gibt. Da gibt es zunächst Wärme durch einen Outdoor-Heizstrahler, der den Aufenthalt auf der Bank auch bei den aktuell unwirtlichen Witterungsverhältnissen erträglich macht. Außerdem hält sie eine rote Kuscheldecke parat, auf die man sich setzen darf. Schließlich leiht Anne Walz ihr Ohr.
Aufmerksam hört sie zu, wenn die Menschen ihr etwas erzählen, was einfach unglaublich ist. Wenn sie ihr bizarre, traurige, komische, erheiternde oder berührende Geschichten präsentieren. Oder einfach nur sagen möchten, wie es ihnen gerade geht.
Wer einen Geldschein loswerden möchte, darf dies natürlich auch tun. Allerdings später. Denn Anne Walz verlangt keinen Obolus: Spenden von Menschen, die vom Projekt „Wanderbank“ angetan sind, nimmt die Bahnhofsmission gern entgegen. „Doch die Wanderbank dient nicht in erster Linie dazu, Spenden zu sammeln“, betont die Projektleiterin. Sie soll auf die Bahnhofsmission aufmerksam machen. Wer auf die neugierig geworden ist, bekommt von Anne Walz Anekdoten aus der Einrichtung erzählt.
In der Bahnhofsmission geht es nicht nur darum, Menschen Unterstützung zu bieten. Die Christophorus-Einrichtung ist ein Ort, wo man einfach sein und anderen begegnen darf. Ohne etwas tun, ohne etwas konsumieren zu müssen.
Man kann die Zeitung lesen. Tee trinken. Oder berichten, was man heute vorhat. „Solche Orte werden immer seltener“, spürt Anne Walz aus vielen Gesprächen heraus. Menschen eilen aneinander vorbei. Sie sehen einander im Café, in der Weinstube oder im Theater. Aber nur selten kommt es dazu, dass einer vom anderen etwas erfährt. Dass einer dem anderen etwas erzählt. Auf der Wanderbank darf man erzählen, was immer man möchte. Neugierig geworden? Eine Ausstellung Mitte Januar in Würzburg wird verraten, was bis dahin alles erzählt worden ist. Zum Beispiel auch von dem Mann, der am Mittwoch spontan half, die Wanderbank aufzubauen.

Alle Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen, Anne Walz auf der Wanderbank eine Geschichte zu erzählen. Im Januar werden die schönsten Passagen bei einer Ausstellung präsentiert. Bild: Förderverein der Bahnhofsmission